Pripyat – eine Geisterstadt

Am Nachmittag des 27. Aprils, mehr als 36 Stunden nach der Explosion, startet die Evakuierung von Pripyat. Die Stadt wurde in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks gebaut und bot zum Zeitpunkt des Ungklücks knapp 50.000 Menschen ein Zuhause.

Eine Modellstadt für die Arbeiter

Pripyat wurde erst 1970 gegründet und komplett am Reißbrett entworfen. Vom Kraftwerk aus ging es an Wohnhäusern vorbei zum zentralen Hauptplatz, wo man unter anderem die Verwaltung, einen großen Supermarkt, Theater und sonstige öffentliche Gebäude fand. Ringsherum angeordnet waren sogenannte “Mikroraions”, kleine Wohnblöcke mit Lebensmittelläden und Schulen. Für die täglichen Dinge, musste man teilweise seinen Mikroraion nicht einmal verlassen.

Eine Besonderheit für Pripyat war, dass es auch einen kleinen Freizeitbereich am Ufer des Sees gab, sowie einen Freizeitpark mit Autoscooter und einem Riesenrad, das heute als Wahrzeichen der verlassenen Stadt gilt.

Die Natur erobert sich die Stadt zurück

Heute ist alles mit Moos und Gras überwuchert. Büsche machen es fast unmöglich die kleinen Seitenstraßen zu benutzen, selbst die große Hauptstraße gleicht heute einem Dschungel. Die Natur erobert sich die Stadt zurück. Bisher machen die Gebäude – bis auf wenige Ausnahmen – noch einen soliden Eindruck. Dennoch ist es an manchen Stellen schon schwer, noch von einer Stadt zu sprechen, “Wald mit Gebäuden” wäre wohl der passendere Ausruck.

Einst eine Vorzeigestadt

Die Stadtplaner sahen vor, dass im Stadtzentrum ein großes Kulturzentrum stehen sollte. Dort gab es nicht nur einen Theatersaal, sondern gleich nebenan noch eine Musikschule, sowie eine Turnhalle und einen großen Supermarkt. Es war eine vorbildliche Stadt, die den Einwohnern einiges bieten wollte. Selbst heute noch kann man erahnen, wie lebenswert es hier gewesen sein muss, und wie vielfältig das Freizeitangebot war.

Von oben kann man den Reaktor sehen

Am Stadtrand, dort wo die Straßen aufhören und man vor einer grünen Wand steht, geht es in eines der vielzähligen Wohnhäuser. Auf dem Weg zum Dach passiert man Wohnungen, die eines gemeinsam haben: sie sind auffallend leer. Obwohl den Menschen versichert wurde, dass sie nach 3 Tagen wieder zurückkehren könnten, wurde es ihnen nie gestattet. Lediglich eine kleine Tasche mit dem Nötigsten war ihnen erlaubt mitzunehmen. Der Rest wurde dann in den darauffolgenden Jahren geplündert. Erst Schmuck, dann Porzellan, Geschirr und Besteck. Mittlerweile sind sogar komplette Fahrstühle demontiert und auf irgendeinem Schrottplatz im Nahen Kiew zu Geld gemacht worden.

Weiter oben bietet der Blick vom Dach einen grandiosen Ausblick und zynischerweise hat der Begriff der “grünen Stadt” nie besser gepasst als hier. Doch der Schein trügt: Man sieht die Gefahr nicht, man kann sie auch nicht spüren. Und nur ein gigantisches Bauwerk am Horizont lässt erahnen, warum 50.000 Einwohner für immer die Stadt verlassen mussten.

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