Tschernobyl: 30 Jahre danach

Es ist der 26. April 1986. Was als Versuch geplant war, einen Stromausfall im Atomreaktor von Tschernobyl zu simulieren, endet in der größten Atomkatastrophe der Menschheitsgeschichte bei der ungefähr 200.000 Menschen ihre Heimat verlieren.

30 Jahre später

Von Kiew aus geht es etwa eine Stunde lang durch unzählige ukrainische Dörfer. Es ist ein sonniger Tag, und je weiter es von der Stadt weg geht, desto idyllischer wird es und auch die Straßen werden immer schmaler. Und plötzlich, wie aus dem Nichts ist er da: der Checkpoint zur sogenannten “Exclusion Zone”, ein Sperrgebiet, etwa 30 Kilometer um die Reaktorruine. Nach einer kurzen Kontrolle geht es weiter, über verlassene Straßen, immer dem Wegweiser nach “Tschernobyl” folgend. Die Dörfer hier sind nicht mehr idyllisch: kein Mensch, kein Leben ist von hier an zu sehen. Stattdessen Ruinen, die Natur nimmt sich zurück, was ihr genommen wurde.

In Tschernobyl herrscht zumindest so etwas wie Leben: Arbeiter, die an dem havarierten Reaktor arbeiten, quartieren sich immer ein paar Tage hier ein. Aufgrund der Strahlenbelastung ist es ihnen untersagt, die ganze Zeit hier zu bleiben. So arbeiten sie ein paar Tage in der Exclusion Zone, müssen dann aber für einige Wochen wieder raus, bevor es ihnen wieder erlaubt ist, zurück zukommen.

In Tschernobyl selbst, gibt es nichts: kein Kino, kein Café, kein Restaurant, aber immerhin eine Kirche und ein kleiner Tante-Emma-Laden, der nicht viel Auswahl bietet – außer an Wodka. Für Besucher gibt es ein kleines Hotel, das immer noch einen sowjetischen Charme versprüht. Würde es hier kein WLAN geben, so bekäme man den Eindruck, dass man eine Zeitreise unternommen hätte. Daran erinnert auch Lenin, der in Sichtweite des Hotels steht.

“Es kommen immer weniger Leute hierher”, beklagt sich Sergej am Hotel. “Durch den Konflikt im Osten der Ukraine, haben viele Leute nun Angst in unser Land zu kommen.” Er arbeitet am Reaktor, hilft den neuen Sarkophag zu bauen. “Das Hotel ist die einzige Möglichkeit, andere Leute zu treffen.” Er äußert sich auch negativ über die Besucher, die morgens von Kiew aus kommen, und sich wie auf einer Klassenfahrt benehmen. “Sie wollen nur Spaß und trinken viel. Aber dies ist nicht der richtige Ort!”

Vielmehr, so meint er, wäre Tschernobyl nun ein Mahnmal. Nicht nur gegen Atomkraft, sondern auch dagegen, wie der Mensch mit der Natur umgeht. “Wir dachten, wir hätten alles im Griff. Viele Menschen haben dadurch für immer ihre Heimat und teilweise auch ihr Leben verloren.” Und daran erinnern einige Monumente: eins für die Liquidatoren – Arbeiter, die ohne Strahlenschutz Aufräumarbeiten mit Schaufeln ausgeführt haben. Viele von ihnen sind mittlerweile an Krebs gestorben. Ein weiteres Monument erinnert an die Ortschaften, die hier existierten und die mit der Katastrophe ausgelöscht wurden. Wie auf einem Friedhof reihen sich die Ortsnamen, auf Kreuzen angebracht, in zwei Reihen. Und hier, in der gespenstischen Stille, versteht man, was Sergej meint: Tschernobyl ist ein Mahnmal.

Morgen, im zweiten Teil geht es dann nach Prypjat, wo einst fast 50.000 Menschen lebten.

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